Reisen, Transsib-Tagebuch

Moskauer Begegnung

Der unberechenbare Moskauer Wind jagt Wolken über den Himmel und lässt mich meine Jacke und meine Sonnenbrille an und wieder aus, an und wieder ausziehen. Während dieses endlosen Spiels schlenderte ich durch eine halb verfallene Marktlandschaft. Eine Welt, die einst märchenhaft und bunt gewesen sein muss und heute, neben schön geschnitzten Holzgiebeln und bunten Türmchen, verottete Dächer und leere Fensterhöhlen aufweist.

Zwei der Marktgässchen sind noch belebt und genau wie Sonne und Wolken, wechseln sich hier die Stände mit grellbunten Matrjoschkas, geblümten Tüchern und Sowjet-Souveniers ab.

„poschalsta, strasdwuitje“ Bitte, guten Tag, murmeln die Händler, sobald wir Blickkontakt haben und deuten auffordernd auf ihre Ware. Ich schüttele schüchtern den Kopf. „Nein danke, ich will nichts kaufen“ kann ich noch nicht sagen auf Russisch.

Irgendwo in der Mitte der zweiten Gasse zieht mir der Duft von frischem Holz in die Nase. Ein Stand mit selbstgeschnitzten Holzfiguren, die honigfarben schimmern. Davor sitzt ein älterer Mann und behandelt einen groben Holzkamm mit Öl aus einer der Flaschen, die um seine Füße herum aufgereiht stehen.

Michail

Als ich stehen bleibe blickt er auf „strasdwuidje, hello“ strahlt er mich an und steht auf. In gutem Englisch zeigt er mir seine Holzfiguren und erklärt „viele kaufen sowas gegen den Stress, um es in der Hand zu halten“ und demonstriert mir dies mit einem faustgroßen Igel, den er mir in die Hand drückt. Die angedeuteten Stacheln fühlen sich tatsächlich ein bisschen an, wie diese Stressbälle aus Gummi, die früher alle hatten.

„Where are you from?“ fragt er neugierig und wischt sich die Hände an seiner bestickten Schürze ab. „Germany“ sage ich und mache mich auf politische Diskussionen gefasst. Sein Lächeln wird noch breiter.

„Deutschland! Wie schön! Ich war auch schon mal dort, in Hessen.“

„Wie hat es Ihnen gefallen?“

„Aaah, es war wunderschön! Ich war mit dem Chor dort, wir haben russische Kirchenlieder gesungen.“

„Machen Sie das immernoch? Singen?

Er setzt sich wieder und nimmt den Holzkamm zur Hand „Nein, das hier ist meine Arbeit“ sagt er und zeigt auf seinen Stand. „Das hier ist jetzt, wie sagt man, mein Beruf!“

Er erzählt noch, dass er schon seit 25 Jahren Holz bearbeitet und strahlt dann wieder, als ich ihm den Fotografen vorstelle „Michael? So heiße ich auch Michail!“Ich frage ob der Fotograf ein Bild von ihm machen darf und ob ich das Bild veröffentlichen darf. „Warum nicht“ sagt er und freut sich, als ich verspreche, ihm die Bilder als Email zu schicken.

Jede Geste, jedes Wort dieses Mannes strahlt Zufriedenheit und Wärme aus. Er ist echt. Seine Freude, der Stolz in seiner Stimme, als er mir den Engel zeigt, den seine Frau bemalt hat, die Sorgfalt mit der er sein Holz bearbeitet und die Ernsthaftigkeit mit der er Kunden seine Arbeit erklärt.

Er erfreut sich an unserem Gespräch und er erwartet nichts. Weder, dass wir etwas kaufen, noch dass ich tatsächlich die Fotos schicke. Eine Kunst um die ich mich so oft bemühe: mich von Erwartungen zu befreien, als Schlüssel zu echter Zufriedenheit.

Ich beschließe doch etwas zu kaufen, schon als Erinnerung an unsere Begegnung. Da ich mit einem „Stresstierchen“ nicht so viel anfangen kann, entscheide ich mich für einen kleinen Behälter mit einem Bär darauf.

„Was heißt denn ‚Bär‘ auf russisch?“ frage ich.

„Medvedev“ antwortet er.

„So wie der letzte Russische Präsident!“

„Ja, Medvedev kann auch ein Nachname sein, aber eigentlich heißt es noch etwas anderers: Med ist das russische Wort für Honig. Medvedev ist ‚der, der weiß wo der Honig ist‘.

In Gedanken vertieft gehe ich weiter und lasse unsere Begegnung Revue passieren. „Der, der weiß wo der Honig ist“ murmele ich vor mich hin. ‚Und Michail, der weiß wo die Zufriedenheit ist‘ denke ich.

Und ich? Was werde ich noch finden auf dieser Reise?

Vielen Dank an Michael für die Bilder!

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8 Comments

  • Reply Mandy // Movin'n'Groovin 24. Juli 2015 at 11:28

    Hach, wunderschön! Ich bin schon sehr gespannt auf Moskau, stell’s mir riesig vor und wuselig und laut. Aber deine Beschreibung klingt grad sehr sympathisch. 🙂
    Wie seid ihr denn von St Petersburg nach Moskau gefahren? Hast du einen Tipp für den Zug? Kann man das Ticket einfach am Bahnhof kaufen? Um das Thema hab ich mich noch gar nicht gekümmert…

    • Reply Sophia 24. Juli 2015 at 13:42

      Ja, genau so ist es auch. riesig, hektisch, wuselig und laut. So richtig Freunde werden wir nicht, Moskau und ich. Dafür sind solche kleinen Begegnungen zwischendurch dann umso wertvoller!
      Wir haben das Ticket von SP nach Moskau schon im Vorfeld über Realrussia gekauft. Am Bahnhof ist es aber sicher auch möglich. Nach Moskau scheint fast jede Stunde was zu fahren. Allerdings war unser Zug recht voll – geh lieber gleich am Anfang gucken!
      Achja und noch ein Tipp: bei Tele2 am Flughafen in SP gibt es Simkarten mit 2 GB für 100 Rubel! Die Verkäufer sind sehr nett und richten einem gleich alles ein.

      • Reply Mandy // Movin'n'Groovin 24. Juli 2015 at 14:33

        Danke für die Tipps, dann mach ich das gleich wenn ich ankomme. Ne Simkarte ist auch sehr verlockend, guter Idee. 🙂 Wann geht’s los mit der Transsib?

  • Reply Bettina 24. Juli 2015 at 11:28

    Danke für das Teilhabenlassen an dieser besonderen Begegnung!! Das ist es, was das Reisen ausmacht. Toller Artikel!!!!!

    • Reply Sophia 24. Juli 2015 at 13:37

      Vielen Dank liebe Betty!

  • Reply Gaston 24. Juli 2015 at 22:10

    Ein toller Bericht Sophia, als ob ich Dir über die Schulter gucke! Schön zu hören, dass ihr soviel positive Erfahrungen mit den Menschen macht. Das hübscht auch mein Russlandbild. Danke!

    • Reply Sophia 25. Juli 2015 at 9:09

      Ja, die Menschen hier sind wirklich nett (es sei denn, sie wollen ihre Metro erreichen 🙂 )

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