Leben

Wie ich zum ersten Mal an meine Grenzen kam

Oxfam Trailwalker

„Hyper, Hyper“ ruft einer meiner Freunde durch das Dunkel. Im Schein meiner Stirnlampe kann ich sehen, wie er seine Wanderstöcke unkoordiniert hin- und herschwenkt „faster, harder, Fortschritt!“ sing-gröhlt er und überholt mich stolpernd.

Auch ich stolpere eher, als dass ich wandere. 70 Kilometer haben wir schon hinter uns gebracht in den letzten Stunden. Oder waren es Tage? Ich habe kein Gefühl mehr für Zeit. Auf jeden Fall ist es jetzt dunkel. Majestätisch und schwarz heben sich die Bäume gegen den sternbefleckten Himmel ab und unsere Lichter tanzen auf dem wurzeldurchzogenen Pfad.

Jetzt öffnet sich der Wald und eine hügelige Wiese liegt vor uns, taubenetzt und mystisch. Wie überdimensionale Glühwürmchen, weisen uns Knicklichter den Weg bis zum gegenüberliegenden Waldrand.

Jeder Muskel meines Körpers tut weh, meine Füße schmerzen und tragen mich nur noch widerwillig und ich kann nicht umhin zu denken „es könnte so wunderschön sein hier“. Es ist wunderschön, beschließe ich und steigere mein Tempo „faster, harder, Fortschritt!“ stimme ich in das unsinnige Gesinge mit ein. Mittlerweile sind wir alle ein bisschen blöd vor Erschöpfung. „Wieso machen wir das hier nochmal?“ frage ich mich im Stillen und lasse meine Gedanken an den Anfang dieses Abenteuers schweifen.

Wieso denn nicht mal was Gutes tun?

„Leute seht mal im Harz gibt es einen 100-Kilometer-Lauf! 100 Kilometer in unter 30 Stunden für eine Welt ohne Armut, wollen wir da mitmachen?“ „Ja klar“, lache ich scherzhaft und nehme meinem Mitbewohner den Flyer aus der Hand.

„Anscheinend darf man nicht nur 100 Kilometer laufen und damit an seine Grenzen gehen, man muss auch noch Geld sammeln bevor man überhaupt antreten darf!“. 2000 Euro Spenden muss man zusammenbekommen um teilnehmen zu können und diese würden dann für Hilfsprojekte in der dritten Welt eingesetzt. „Es geht um Projekte, die die Bildung von Frauen und Mädchen unterstützen, das ist doch super“ strahlt mein Mitbewohner begeistert und sieht mich erwartungsvoll an.

Nagut, warum nicht? Warum nicht mal Zeit und Energie für einen guten Zweck aufbringen und gleichzeitig an seiner persönlichen Fitness arbeiten? Ich fange an mich für die Idee zu erwärmen und denke bereits über die Spendenakquise nach. „Man muss natürlich alle Leute, die man kennt anschreiben und nach Geld fragen. Und dann vielleicht noch ein Flohmarktstand, Kuchenverkauf irgendwo? Grillen? In den 8 Monaten bis zum Lauf müsste das zu schaffen sein.“ “ Und dann natürlich das Training“ wirft mein Mitbewohner ein „50 Kilometer sollte man mindestens schon mal am Stück gelaufen sein und ein Team brauchen wir, man muss mindestens zu 6. sein!

Ein paar Überzeugungsmanöver später, stand das Team und wir konnten schon die ersten Spenden verzeichnen. Jeder schien begeistert oder immerhin beeindruckt von unserem Vorhaben und fast jeder, den wir fragten, spendete auch was.

Der September und somit auch der Lauf rückten näher, unsere gemeinsamen Trainingseinheiten wurden intensiver und nahmen mittlerweile schon ganze Wochenenden in Anspruch. trotzdem schafften wir weder die Nachtwanderung, die wir uns vorgenommen hatten, noch den 50-Kilometer-Lauf, noch eine Trainingseinheit im hügeligen Gelände. Der Flohmarkt, die Spendenakquise und all das, nahmen einfach zu viel Zeit in Anspruch.

trotzdem traten wir unausgeschlafen und ein wenig ängstlich an einem frischen, sonnigen Herbsttag in Osterode auf dem Marktplatz an. Es würde schon werden.

Nur kurz die Augen zu machen

Was war das letzte halbe Jahr für eine schöne Zeit, erinnere ich mich, während ich stumpf dahinstapfe. Wir waren als Team fest zusammengewachsen, was sich heute sehr gut zeigt. Wir verstehen uns gut, achten aufeinander, schweigen zusammen, machen uns gegenseitig Mut und singen verrückte Lieder durch die dunkle Stille.

Die beiden, die das Versorgungsfahrzeug fahren und uns an den neun Checkpoints auf der Strecke mit warmer Suppe, Fußbädern und motivierenden Sprüchen versorgen, sind unsere Schutzengel, unsere Lichtblicke, unsere Durchhaltemotoren!

„Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen“ wird mir klar. Ob jedoch Sieg oder Niederlage in Erinnerung bleiben werden, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt noch nicht sagen. Ich weiß nur, dass die Füße wehtun. Aber sie tragen mich. Noch.

Erleichtert seufze ich auf, als vor uns in der Dunkelheit die flackernden Feuer des nächsten Checkpoints auftauchen. Nur kurz hinsetzen. Nur kurz die Augen zu machen. Nur eben mal die Füße hochlegen…

„Sophia“ meine Freundin rüttelt an meiner Schulter. „Ihr müsst weiter, die Sonne geht bald auf“. Glasig blicke ich sie an „nur noch 5 Minuten“. „Liebevoll drückt sie mir eine Tasse Tee und einen Schokoriegel in die Hand „na komm, ihr habt es bald geschafft“. Ich reiße mich zusammen und springe auf. Die Nachtluft ist kalt und wir müssen uns dringend wieder in Bewegung setzen um die steif gewordenen Muskeln aufzuwärmen. Ein paar Schlucke heißer Tee und weiter gehts.

Die Sonne wirft ihre ersten Strahlen über den Horizont und ganz kurz, sehr kurz kann ich meine Schmerzen vergessen. Wie schön es doch ist hier oben. Die ersten Vögel melden sich und auch wir fühlen uns nach der langen Nacht plötzlich wieder lebendig. Kraft für die letzten Kilometer.

Und irgendwann, die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel und wärmt unsere hängenden Schultern, tauchen endlich die ersten Dächer von Osterode vor uns auf. Am liebsten würde ich laut jubelnd ins Tal rennen, aber alles was ich zustande bringe ist ein „puh, das wird auch Zeit!“ An meinem Tempo verändert sich nichts.

Während ich merke, wie sich so langsam meine allerletzten Reserven verabschieden, marschieren wir in Osterode ein. Triumphierend, todmüde, überglücklich.

Den Oxfam Trailwalker habe ich 2012 als Teil des Teams „Fortschritt“ mitgemacht. Während der letzten Jahre gab es ihn nicht. Dieses Jahr ist er wieder da und wird die Teilnehmer durch den schönen Spessart schicken.

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